Tagesgeld - steigende Zinsen

Eine Binsenweisheit unter Anlegern ist, dass wenn der Leitzins der EZB im Keller ist, die Zinsen für Geldanlagen auch niemanden hinter dem Ofen hervorlocken können. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn trotz eines niedrigen Leitzinses können Anlageprodukte wie Tagesgeld trotzdem steigende Zinsen bieten.

Begründet ist dies darin, dass der Leitzins der EZB nicht die einzige Bewertungsgrundlage für die Zinsen am Markt ist, sondern auch der Euribor. Im Gegensatz zum EZB Leitzins ist dies nicht der Zins, den Banken der EZB für geliehenes Geld zahlen müssen, sondern jener, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen können. Und auch wenn der Leitzins niedrig ist, kann der Euribor trotzdem steigen - z. B. wenn Geldmittel am Markt knapp sind.

Eine Verknappung tritt meist auf, wenn sich eine Inflation ankündigt oder bevorsteht. Aus Angst vor der Geldentwertung ist dann oft eine Kapitalflucht in feste Werte wie Immobilien zu beobachten, das heißt, dass den Banken liquides Kapital, mit welchem sie arbeiten können fehlt - und das stellt in der Masse nicht das Geld der Zentralbank (wie die EZB), sondern der Kunden dar. Was bedeutet das aber nun konkret für das Tagesgeld und warum bekommt man dann steigende Zinsen?

Das Tagesgeld stellt neben Girokonten und kurzfristigen Festgeldanlagen immernoch die beste am Markt verfügbare Anlage für Anleger dar, denen die Verzinsung des Girokontos zu niedrig und die des Sparbuchs indiskutabel ist, aber die ihr Geld ungern in Festgeldanlagen investieren wollen - vor allem, da kurzlaufende Festgeldanlagen über 6 - 9 Monate kaum mehr Zinsen bieten können als das Tagesgeld, aber das Geld in dieser Zeit nicht verfügbar ist.

Das Tagesgeld ist für Banken die beste Möglichkeit schnell an Kapital zu kommen, welches „fest“ angelegt wird. Denn obwohl man täglich darüber verfügen kann, wechseln die wenigsten Kunden häufig diese Anlageform und lassen das Geld lange angelegt - vorausgesetzt der Zinssatz stimmt. Steigende Zinsen beim Tagesgeld stellen somit ein gutes Mittel zur Kundenbindung und Kapitalbindung dar.

Jedoch sollte man trotz steigender Zinsen beim Tagesgeld das Kleingedruckte nicht aus den Augen verlieren - denn beliebte Lockmittel sind hohe Zinsen, die entweder an zusätzliche Konditionen gekoppelt sind oder nur einen befristeten Garantiezins darstellen. Nach Ablauf der Frist fällt der Zins für das Tagesgeld oft enorm ab, teilweise auch stark unter das Niveau von anderen Banken.

Wer also nicht immer wieder für steigende Zinsen das Tagesgeld Konto wechseln möchte (das so genannte Tagesgeldhopping), sollte auf Konstanz achten und dass die angebotenen, meist variablen Zinsen zwar dem Leitzins und Euribor angepasst werden (also fallen und steigen können), aber nicht reine, befristete Garantiezinsen sind.

Man sollte ebenfalls die Zusatzkonditionen nicht aus den Augen verlieren: Denn viele Anbieter von Tagesgeld bieten zwar fast doppelt so hohe Zinsen wie andere Banken an, koppeln diesen hohen Zins aber meist an:
- eine zeitliche Befristung,
- eine Mindesteinlage,
- eine Maximaleinlage und
- einen Depotumzug.

Die Mindesteinlage und Maximaleinlage bedeutet für den Kunden, dass nur ab einem Mindestbetrag bis zu einem Maximalbetrag der angebotene Zins gezahlt werden sollte. Im Idealfall fehlen diese Konditionen, denn gerade falls hohe Tagesgeldzinsen geboten werden, ist die Maximaleinlage sehr niedrig angesetzt (z. B. 25.000 Euro) und die Mindesteinlage sehr hoch (z. B. 10.000 Euro).

Wird ein Depotumzug verlangt, so sollt man die Zusatzkosten nicht aus den Augen verlieren, denn ein komplett kostenloses Depot ist selten - und in Kombination mit einer Mindesteinlage und Maximaleinlage kann abzüglich der Kosten der Zinsgewinn trotz hoher Tagesgeld Zinsen soweit gemindert werden, dass eine „günstigere“ Bank letztendlich besser ist.

Dazu kommt erschwerend hinzu, dass viele Banken mit hohen Tagesgeldzinsen eine Depotschließung bei der alten Bank verlangen (um Tagesgeldhopping zu verhindern) und auch hier eine Mindesteinlage an Wertpapieren eingebracht werden muss.

Sobald man eine dieser Konditionen nicht erfüllt, z. B. dass das Geld / Wertpapiere unter der Mindesteinlage bzw. über der Maximaleinlage liegen, ist das gleiche Risiko wie bei einem befristetem Garantiezins gegeben: Die eigentlich hohen Tagesgeldzinsen fallen rapide ab.